Esposizione Germania – Kunstforum Fränkisches Seeland – Gunzenhauen

June 2, 2019

LAUDATIO/ Holger Pütz-von Fabeck/

 

Liebe Freunde guter Kunst,


es ist ein nicht ausrottbares Gerücht, dass wir vom Kunstforum unsere Ausstellungsreihen klimatisch planen. Es trifft nicht zu, dass wir ab 30 Grad Lufttemperatur nur noch Sudtiroler zeigen und ab unter 10 Grad Bilder aus dem ewigen Eis.
Aber gut der Verdacht mag angesichts des heutigen Wetters naheliegen, umso schöner ist es, dass Sie heute Morgen einen roten Faden der Badekleidung und den Eisbechern vorziehen und der hyperrealistischen Spur ins M11 gefolgt sind.


Turin, einst Vorzeigemetropole der Industrialisierung Italiens, das Herz der chromblinkenden Automobilista südlich der Alpen, liegt angesichts zweier Ölkrisen in den 80ern des vergangenen Jahrtausends schwer getroffen, nach Veränderung japsend, am Boden. Wer kann, verlässt den angeschlagenen Industriedampfer, die Bevölkerung schrumpft innerhalb weniger Jahre um fast ein Fünftel.
Die olympischen Winterspiele 2006 und der Traum von Universitäten, Messe und Kongressvierteln liegt noch unausgereift in weiter Ferne in Köpfen oft verlachter Visionisten.
Sorgen und Ängste angesichts dunkler, schwerer Gewitterwolken am italienischen Zukunftshimmel lasten tagtäglich auf dem hart arbeitenden Karosseriebauer Strozzega, als sein 8-jähriger Sohn mit der zärtlich brutalen Namensmischung Igor Iwan etwas für Turiner Karosseriebauerfamilien eher ungewöhnliches macht:
Er malt, er malt mit Ölfarben, er flieht den dusteren Turiner Häuserschluchten, der durchgetakteten ins Stocken geratenen Maschinerie der angeschlagenen Großindustrie, den Erwartungen des Vaters in einen fur jene Welt unerreichbaren Horizont, der Welt der Dinge, des Moments, der Betrachtung, des Innehaltens…
So, oder so ähnlich mag es gewesen sein, das schwierige Umfeld, aus dessen gesellschaftlich familiär mit Gewichten behangenen Flügeln der kleine Igor sich befreien musste, bis er den Strawinsky der Hände in der Akademie der Kunste von Venedig bei sich entdecken konnte, den Iwan den Schrecklichen, der an ihn gestellten Erwartungen abstreifen konnte.


Der Bruch mit dem Vater erscheint unausweichlich, bedingt durch die Freiheit der eigenen Sichtweise auf das Leben und die Dinge. Der rote Faden seines Lebenswegs zeichnet eine filigrane Verbindung zwischen dem 8-jährigen Igor und dem 50-jährigen Professor Strozzega. Venezien und das Trentin werden dabei für ihn die prägenden Landschaften, die Berge und das Meer formen, nicht nur seine Empfindungen, er besucht auch die Kunstschulen in Vendig und Trento und studiert in der Akademie der schönen Kunste in der Lagunenstadt.
Igor wird zum Seelensucher, zum Herausarbeiter, zum Besessenen beim Vordringen in den Kern der Dinge, der Personen, der Körper, die er mit dem Pinsel in zwei bis sechsmonatiger Kleinarbeit aus den von ihm gewählten Objekten geradezu herausmeiselt, die er Strich fur Strich, Detail fur Detail, zärtlich als Igor, realistisch hart,
unverblümt, nackt und bloß als Iwan, aber immer mit unendlicher Geduld und Hingabe, wirklicher als das Abbild auf der Leinwand erschafft.


Nicht ohne vorher von diesen Objekten, den Personen, den Körpern, zart und leise ja fast schleichend und heimlich mit seinem persönlichen roten Lebensfaden Besitz ergriffen zu haben.
In Zeiten, in denen andere tagtäglich unzählige Lebensmomente auf Instagram quasi als Ausdunstung ihrer Existenz hinterlassen, schafft es Igor gerade einmal funf bis sechs Werke pro Jahr in seiner Detailversessenen Objektliebe ans Licht zu holen. Ganz so, als ob seine kindhafte Verweigerung vor der flatterhaften Brutalstmaschinerie moderner Errungenschaften sich wie ein roter Faden in seine charakterliche Grundhaltung gegenüber den Dingen eingewebt hat; als ob er sich gegen die dahinschmelzende Zeit mit ihrem Kommen und Gehen, Moden und Hypes stemmt, sich dem schnellen Entstehen und Vergehen verweigert, eine kleine rote dauerhafte Zundschnur in die alltägliche Schnelllebigkeit der Wahrnehmung legt Kunst und Können bleiben bei ihm dabei stets in Balance, gleich ob er, mit akademischer Klaviatur ausgestattet, Skizzen, Aquarelle oder Werke aus Öl mit seinem Lebensfaden überzieht.


Dass Igor Strozzega dabei ein Opfer seiner Selbst bei steigender Beliebtheit wird, ist geradezu ein unabwendbares Verhängnis, das sich ebenfalls wie ein roter Faden durch die heutige Ausstellung zieht.
Zwei seiner großformatigen Werke kurz vor der Ausstellung verkauft, zwei herausragende Arbeiten nicht von der Kuratorin seiner vorherigen Ausstellung herausgegeben, und schon fehlen bei uns hier fast die letzten 1 ½ Jahre seines Wirkens, seines Hyperrealismus, seiner fotorealistischen Übersteigerungen, seiner uberschärften Realität.
Gleich seinem großen Vorbild Gottfried Helnwein, tritt er hier in einen Wettstreit der Dinge mit der lapidaren Fotographie, tritt den Beweis an, dass ein Gesicht mehr ist als ein Bild des Gesichts, ein Korb mehr als ein Abbild desselben, gleichwohl sich jeder subjektiven Prägung enthalten.


Gleich seinem Vorbild wird er hierbei zunehmend entdeckt, sein roter Faden drängt auf den Kunstmarkt, die Bilder werden gefragt, der Preis scheint in Anbetracht teils monatelanger Kleinstarbeit absolut angemessen und konfrontiert ihn mit dem Spiel von Angebot und Nachfrage, der rostige Fiat Panda der Turiner Vorstadt, der verstoßene Sohn des Karosseriebauers, wird zum chromblinkenden Ferrari des Kunstmarktes, was Igor vor vollkommen längst verdrängt geglaubte Kindheitstraumata des Marktes stellt.
Aber wer genau hinschaut, und dieser naseweise Blick in Professor Strozzegas kunstlerische Zukunft sei mir erlaubt, wird, und da bin ich mir sicher, immer den Trotz, die Verweigerung vor der Beliebigkeit, den Gesetzen des Marktes, gleich einem kleinen Turiner Rotzlöffel in Form eines roten Seelenfadens finden.
Dass er dabei in seiner Lebensgefährtin Barbara Klopfer eine Gefährtin im besten Wortsinne gefunden hat, die mit ihrer Sudtiroler Beharrlichkeit, ihrer Bodenständigkeit und ihrer Kreativität, aber auch mit ihrem Kunstschmuck nicht nur im Alltag eine innige Symbiose eingeht, mag ihn selbst überrascht haben, aber auch ein Professor Igor Iwan Strozzega hat zu akzeptieren, dass er manchmal angesichts einer wunderbaren Frau vollkommen den Faden verliert.


PS: Wenn Igor auf dieser Ausstellung nochmals zwei bis drei Bilder verkauft, dann sperren wir ihn fur den Kunstmarkt die nächsten 1 ½ Jahre, also liebe Gunzenhäuser, wir können für absolute Exklusivität sorgen.

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